Eine Reise

Während dieser Zeit – 1996 – gab es einen Konflikt zwischen der sozialistischen Partei und der Opposition. In der Opposition waren viele Rechtsradikale. Ich arbeitete damals fürs Radio, aber die Medien wurden komplett von Milošević kontrolliert. Ich hatte einen Job in Paraćin, was schwierig war, da ich dort mit den politisch Rechten konfrontiert war.

1991 war ich in der letzten Generation der Armee, die tatsächlich vereint war, mit Kroaten, Serben, Mazedoniern und sogar Leuten aus Slowenien.

The Leute in der Armee glaubten daran, dass wir die Idee des freien und vereinten Jugoslawien unterstützen müssen. Zusammen sahen wir die Nachrichten, als die ersten Schüsse in Split fielen – der Beginn des Krieges. Meine Identität ist sehr jugoslawisch. Seit der vierten Klasse in der Grundschule hatte ich Theater gespielt, mit Aufführungen in ganz Jugoslawien.

Doch plötzlich sagten mir die Leute in meiner Heimatstadt, dass ich hier nicht mehr sein soll, dass ich die Stadt verlassen soll. Oder sie wollten mich zusammenschlagen.

Die Opposition organisierte eine Demonstration vor dem Radiosender. Die Mitarbeiten schauten von innen zu, was passiert. Draußen begannen die Demonstranten Kerzen anzuzünden und Eier auf das Gebäude zu werfen.

Die Situation begann, aufgrund meiner politischen Ansichten gefährlich für mich zu werden, da ich weder der sozialistischen Partei, noch der Opposition angehörte. An diesem Tag der Demonstration riefen sie, wir sollen herauskommen, damit sie mit uns kämpfen können. „Aber gebt uns zuerst den Zigeuner, er soll zuerst kommen!“.

Während der Chefredakteur dies als Schwachsinn abwinkte, war ich bereits daran gewöhnt. Auch im Militär war ich anders gewesen. Du musst die Witze und Provokationen akzeptieren, dann wirst du akzeptiert. Doch gleichzeitig verlierst du deine Gemeinschaft.

Aber selbst als Kind, wenn wir Deutsche und Partisanen gespielt haben, musste ich immer den Deutschen spielen. Wenn wir Cowboys gespielt haben, war ich immer der Indianer. Deswegen meinte ich, dass all dies nichts Neues sei. Doch der Chefredakteur, welcher italienischer Abstammung war und deshalb ebenfalls als Außenseiter gezählt wurde, organisierte mir ein Visum für Dänemark, von wo aus ich als Reporter arbeiten sollte. Er sagte mir „Wenn du dort bleiben kannst, dann bleib dort.“

Dänemark

Sechs Monate lebte ich legal in Dänemark. Drei Monate arbeite ich als Journalist, bezahlt von Serbien, drei weitere Monate konnte ich bleiben. Ich fuhr nach Kopenhagen, was interessant war, aber ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich beantragte Asyl, doch der Antrag wurde nicht bewilligt und ich sollte zurückkehren.

Das nächste halbe Jahr verbrachte ich in einer anderen dänischen Stadt – illegal. Ich erhielt Hilfe von einer Familie und dem Roten Kreuz. Wir handelten einen Deal aus: Ich durfte in einer Flüchtlingsunterkunft bleiben und essen, wenn ich im Gegenzug somalischen Flüchtlingen Computerkurse gab. So arbeitete ich dort für drei Monate, doch eines Tages rief mich mein Kollege an und sagte mir, dass ich nicht zurückkommen kann, da die Polizei mich dort suche.

Zuerst war ich im Wald und habe auf meinen Cousin gewartet. Dann sind wir zusammen nach Kopenhagen gegangen. Doch es war sehr gefährlich, da ich sofort ausgewiesen werden würde, sollten wir in eine Polizeikontrolle geraten.

In Kopenhagen trafen wir Leute die uns anboten, uns auf die andere Seite der Grenze zu bringen – nach Oslo oder Deutschland. Ich entschied mich für Oslo, da mich der Norden interessierte, doch die Leute sagten mir, dass Oslo zu klein ist und von der jugoslawischen Mafia kontrolliert wird. Deswegen bezahlten mein Cousin und ich jeder 1200 Deutsche Mark, um nach Deutschland zu gelangen.

Ein Fahrer sollte uns mit seinem Ford Sierra in eine kleine Stadt auf der anderen Seite der Grenze bringen. Er sagte, dass die Fahrt 45 Minuten dauern wird. Wir saßen auf der Rückbank mit einer anderen Person, vorne saßen der Fahrer und sein Freund. Sie hörten einen aggressiven Rap aus Sandžak, einer Gegend in der Nähe des Kosovo, wo viele bosnische Muslime leben, oftmals in Konflikt mit den Serben. Der Fahrer war sehr frustriert – und auf Drogen. Der Stoßdämpfer war kaputt – mir gefiel das Auto nicht.

Irgendwann fragte er mich etwas Unwichtiges, nach der Zeit oder so, und ich antwortete. Als er meinen Akzent hörte (er war nur der Fahrer, nicht der Mann mit dem wir die Fahrt vereinbart hatten), begann er zu fragen, wo ich herkomme und redete schlecht über die Serben und die orthodoxe Kirche, um uns zu provozieren. Er wollte uns am liebsten zerstören. Er begann wie verrückt zu fahren, den Autos immer in der letzten Sekunde ausweichend. Doch das Auto war wegen des kaputten Dämpfers nicht ausgeglichen. Als er einem Lastwagen im letzten Moment entgehen wollte, verlor er die Kontrolle über den Ford, welcher sich mehrere Male überschlug. In diesem Moment fragte ich mich, warum ich das tue. Doch wir hatten Glück – das Auto landete auf den Rädern.

Nur der Freund des Fahrers war wirklich verunglückt, doch ich war sicher, dass der Fahrer uns umbringen würde, weshalb ich so tat, als wäre ich schwer verletzt. Ich schrie laut, um etwas Zeit zu gewinnen und der Fahrer war verwirrt. Unser Glück war, dass der Boss in diesem Moment anrief und den Fahrer dazu brachte, uns zu Fuß in ein dänisches Flüchtlingslager zu bringen.

Dort erhielten wir ein anderes Auto, ein Citroen Xantia, der mir gut gefiel. Mit einem anderen Fahrer, perfekt. Ich redete nicht.

An der Grenze verhielt er sich sehr gut, er kannte den Ort, fuhr ohne Licht und wusste genau, was zu tun ist. Irgendwann hielt er an uns sagte, dass wir nun etwa eine Stunde laufen müssten. Immer geradeaus und an den Zugschienen links. Das war in Flensburg.

Wir sollten nicht am Schalter ein Ticket kaufen, sondern auf der anderen Seite des Bahnhofs warten und wenn der Zug losfährt aufspringen, so dass uns niemand sehen würde.

Der Fußweg dauerte zwei Stunden. Ich hatte vergessen, Wasser mitzunehmen. An der Grenze war ein Zaun, wenn du ihn überquerst gibt es ein Signal, weswegen du sehr schnell sein musst, um den zweiten Zaun zu erreichen, bevor die Polizei kommt.

Es gab Kanäle zur Bewässerung der Felder, manche waren einen, manche zwei Meter breit. Neben dem Wasser war alles voller Mist zur Düngung. Ich musste meine Tasche zurücklassen, da sie zu schwer war. Ich nahm nur wenige Fotos mit.

Deutschland

In Flensburg warteten wir auf den Zug, während unsere Schuhe furchtbar stanken. Wir mussten alles aus Dänemark hinter uns lassen, damit die Polizei nicht nachweisen kann, dass wir dort herkommen.

Ich hatte Angst und dachte an all die Leute, die bei dem Versuch, auf einen fahrenden Zug zu springen, umgekommen sind. Aber ich sagte mir: Denk nicht nach, mach es einfach. Ich schrie und fiel fast hinunter, aber mein Cousin zog mich wieder hoch. Er war stärker als ich.

Im Zug gingen wir zur Toilette, um uns zu waschen, doch wir konnten nicht viel ausrichten. Deswegen legte ich meine Jacke über meine Beine. Als der Schaffner kam, fragte ich nach zwei Tickets bis Hamburg. Doch der Schaffner meinte, dass dieser Zug nicht nach Hamburg fährt, sondern nur bis zu einer kleinen Stadt. Also kaufte ich zwei Tickets bis zu dieser kleinen Stadt. Der Schaffner erklärte, dass wir erst 3 Uhr morgens ankommen würde und dann keine Züge fahren würden, wir sollten am besten ein Taxi nehmen.

Ich hatte etwa 200 DM, mein Cousin 30 DM. Also wir ankamen begannen wir, uns wie Touristen zu verhalten, doch Tourist in diesem Dorf, mitten in der Nacht…

Wir begriffen erst im Nachhinein, wie gefährlich unsere Reise von Dänemark nach Deutschland gewesen war. Ich würde es nie wieder machen, wenn ich wüsste, was auf mich zukommt. Aber es waren andere Zeiten, als es noch Grenzen innerhalb von Europa gab…

Wir baten also den ersten Taxifahrer, den wir trafen, uns nach Hamburg zu bringen. Allerdings wollte er 400 DM. Dann entdeckten wir ein anderes Taxi, einen Audi A8, aus welchem Rolling Stones erklangen. Auch dessen Fahrer meinte, es kostet 400 DM, doch als ich erklärte, dass wir nicht so viel Geld haben fragte er nach, wie viel wir zahlen könnten. Ich meinte 170 DM und er willigte ein.

Es war ein tolles Auto. Das Problem waren nur unsere stinkenden Schuhe. Der A8 hatte eine sehr gute Klimaanlage, die den Geruch von meinen Schuhen direkt in mein Gesicht und das restliche Auto blies. Der Fahrer musste das Fenster aufmachen – es war eine sehr unangenehme Situation. Doch so gelangten wir nach Hamburg.

Wir blieben für einen Tag in Hamburg. Das war noch eine verrückte Sache. Der Cousin meines Cousins sollte dort sein. Wir riefen ihn von einer Telefonzelle an und fragten nach der Straße, in welcher er lebt. Doch der Taxifahrer kannte diese Straße nicht und konnte sie auch auf der Karte nicht finden. Also stiegen wir wieder aus und riefen noch einmal an, um zu fragen, wo er ist. Da meinte er, es sei in Moabit – Berlin! Shit.

Am Bahnhof kam ein Drogendealer auf uns zu. Nicht aus dem Kosovo, aus Montenegro. Es war sehr gefährlich. Er wollte, dass wir mit ihm kommen und fragte, wo wir hinwollen. Mein Cousin log: „Wir suchen unseren Onkel Radivoj“. Der Dealer log ebenfalls: „ Ich kenne ihn, natürlich, kommt mit!“

Wir hatten Glück: Die Polizei kam und wir konnten wegrennen.

Der Cousin in Berlin organisierte jemanden, der uns abholte und zu ihm brachte. Ich beantragte kein Asyl, da sie mich zurücksenden würden. Ich erhielt nur eine Duldung, eine vorübergehende Möglichkeit in Deutschland zu bleiben, was ein anderer Prozess ist.

Zuerst war ich in einer Flüchtlingsunterkunft in Zehlendorf. Zehlendorf ist interessant, weil es viele Villen gibt und viele reiche Leute dort wohnen. Die Unterkunft war klein, zwischen Autowerkstätten.

Ich suchte nach einem Roma Verein, von dem mir jemand im Flüchtlingslager erzählt hatte. Da ich nichts darüber wusste und es kein Internet gab, fragte ich die Leute, bis ich ihn schließlich fand. Es gab eine Ausstellung im Rathaus Schöneberg. Dort traf ich eine exotische Frau mit einem schrägen marokkanischen Hut, aber sie war Deutsche. Sie roch nach Räucherstäbchen. Sie kam auf mich zu und ich freute mich, da ich fühlte, dass meine neues Leben in Berlin endlich begann. Wir tranken Wein zusammen und sie fragte, wo ich lebe. Ich meinte Zehlendorf. „Oh wirklich? Was machst du?“ Ich sagte nicht, dass ich Flüchtling bin, sondern meinte, dass ich Journalist sei. Sie bot an, mich nach Hause zu fahren.

Wir fuhren mit ihrem Golf 2. Ich war aufgeregt, jemand aus Berlin kennenzulernen. Als wir in Zehlendorf ankamen hatte ich die Nummer vergessen, da ich noch nie mit dem Auto in die Gegend gekommen war. Sie frage „Ist es hier?“ und zeigte auf verschiedene Villas. Nein, nein, … Und dann kamen wir zur Flüchtlingsunterkunft. Zum ersten Mal konnte ich sie von dieser Perspektive aus sehen. Sie sah aus wie ein Gefängnis.

Sie fragte mich, was das ist und ich sagte, dass ich hier vorübergehend lebe.

“Ist das ein Gefängnis?”

“Nein, nein, das ist eine Flüchtlingsunterkunft.“

“Ah, ok… wir sehen uns im Traum.“

Der Türsteher meinte, dass ich vor 22 Uhr zurück sein muss und es sonst Ärger gibt.

Das war der Beginn meiner Zeit in Berlin.