Roma in Deutschland – im Schatten des Antiziganismus

„Antiziganismus ist nicht nur ein abstrakter wissenschaftlicher oder politischer Begriff. Für einen Sinto oder einen Rom ist Antiziganismus eine Realität, die er oder sie fast täglich erleben oder wahrnehmen kann, beziehungsweise muss. Vorurteile, Ressentiments oder Ablehnung von Sinti und Roma als Individuen oder als Gruppe sind kein Einzelfall, sondern sind in der Gesellschaft vorhanden, spürbar – auch wenn dies des Öfteren bestritten wird.“

Daniel Strauß, Einleitende Bemerkung zu „Gutachten Antiziganismus“ (Markus End)

Roma und Sinti leben seit Jahrhunderten in Deutschland. Dennoch meinen 58,5 Prozent der Deutschen, dass Sinti und Roma zur Kriminalität neigen und 57,8 Prozent geben an, dass sie ein Problem damit hätten, wenn sich Sinti und Roma in ihrer Gegend aufhielten.[1] 49,6 Prozent der Deutschen befürworten, dass Sinti und Roma aus den Innenstädten verbannt werden. 1994 gaben 63,9 Prozent der Befragten an, dass sie „Zigeuner“ nicht als Nachbarn haben möchten, womit diese Gruppe weit mehr Ablehnung erfuhr als „Araber“ mit 45 Prozent und „Juden“ mit 19 Prozent.[2]

Dies sind nur wenige Zahlen, die andeuten, mit welcher Einstellung und welchen Ressentiments die deutsche Mehrheitsgesellschaft der Minderheit von etwa 70.000 Sinti und Roma mit deutscher Staatsbürgerschaft und weiteren geschätzt 50.000 Roma, welche geduldet sind oder sich mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus in Deutschland aufhalten, begegnet.[3]

Das Problem heißt Antiziganismus – ein Wort, welches im Sprachkanon gesellschaftlicher Debatten im Bezug auf Rassismus und Diskriminierung eher selten auftaucht.

Antiziganismus ist ein soziales Phänomen, welches historisch gewachsen ist und sich selbst stabilisiert.[4] Es handelt sich um eine spezielle Form des Rassismus, in welcher soziale Gruppen oder Individuen unter dem Stigma „Zigeuner“ abgestempelt werden, was zu einer homogenisierenden und simplifizierten Wahrnehmung und Darstellung führt, die bestimmte – von der Norm abweichende – Eigenschaften beinhaltet und bis hin zu diskriminierenden sozialen Strukturen und gewaltförmigen Praxen reicht.

Antiziganismus äußert sich demnach in Einstellungen und Geisteshaltungen, aber auch durch diskriminierende und stereotype Darstellungen in Kultur, Medien und im öffentlichen Diskurs – von Kinderbüchern (z.B. „5 Freunde“, Band 17 und 19) über Literatur (z.B. „Götz von Berlichingen“ von J.W.Goethe) bis hin zu Musik (z.B. „Carmen“ von G. Bizet). Stetig findet eine Abgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft statt, unter anderem mit einem Fokus auf vorzivilisatorische Eigenschaften und ein nomadisch, nicht sesshaftes und spontan Wesen.

Besonders problematisch sind antiziganistische Ausdrucks- und Kommunikationsweisen im nicht-fiktiven Bereich wie den Medien, wenn z.B. in Berichterstattungen über Straftaten auf eine Minderheitszugehörigkeit von Tatverdächtigen verwiesen wird, auch wenn diese in keinerlei Bezug zur Straftat steht, da sie negative Stereotype zu bestätigen scheint und dadurch verfestigt. Diese wiederum bieten die Grundlage für gewaltförmige Handlungen, deren extremstes Beispiel Rostock-Lichtenhagen im August 1992 ist. Neonazis griffen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber mehrere Nächte lang hintereinander an, bis die rumänischen Flüchtlinge evakuiert wurden. Auch heute kommt es immer wieder zu Brandanschlägen, eingeworfenen Fenstern oder direkten Drohungen. Selbst Gedenkorte und Mahnmale werden regelmäßig beschmutzt oder zerstört.

Weiterhin spielt Antiziganismus in politischen Bewegungen und Parteien immer wieder eine Rolle. So nutze beispielsweise die NPD bei den Bundestagswahlen 2013 den Slogan „Geld für die Oma statt für Sinti und Roma“.

Nicht zuletzt in der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik – im Rahmen welcher nach Schätzungen eine halbe Million Roma ermordet wurden – spielte Antiziganismus eine entscheidende Rolle.[5] Trotz der hohen Anzahl an Opfern wurde der Völkermord als solcher erst viele Jahre später durch Helmut Schmidt im März 1982 offiziell von der Bundesregierung anerkannt, wodurch viele Roma bis dahin von Staatenlosigkeit betroffen waren und keinen Zugang zu Entschädigungszahlungen erhielten.[6] Generell scheint die „historische Verantwortung“ Deutschlands Roma gegenüber wesentlich schwächer ausgeprägt, als gegenüber Juden. So war die Zuwanderung für Juden aus den ehemaligen Sowjetstaaten bis 2004 lediglich von Kontingenten der Bundesländer abhängig und ist auch heute noch stark vereinfacht,[7] während es für Roma keinerlei bevorzugte Behandlung gibt.

Auch wenn in Deutschland theoretisch keine institutionelle Diskriminierung durch Gesetze oder Verordnungen besteht,[8] so zeigen Studien, dass nur 2,3% der Sinti und Roma in Deutschland ein Gymnasium besucht haben, während der Durchschnitt der Gesamtbevölkerung bei 24,4% liegt.[9] Weiterhin besitzen beinahe 57 Prozent der Roma und Sinti keinen Bildungsabschluss.[10] Fast ein Drittel der Befragten begründet eine abgebrochene Schulausbildung mit diskriminierenden und demütigenden Erfahrungen.

76 Prozent der Roma gaben an, bei der Arbeit, von Nachbarn, in Gaststätten oder anderen Orten häufig diskriminiert worden zu sein.[11] Für viele ist dies der Grund, ihre Identität selbst im Privatleben zu verschweigen.

Auch 77 Prozent befragter nicht-Roma EU-Bürger bewerten es als einen Nachteil, zu den Sinti und Roma zu gehören, wobei die Quote höher liegt als bei dem generellen Begriff „ethnische Minderheit“ (62%).[12] Dies spiegelt sich auch in dem Wohlbefinden von nicht-Roma EU-Bürgern: Roma werden als Nachbarn weit stärker abgelehnt als generell Nachbarn „mit einer anderen ethnischen Herkunft als der eigenen“.

Letztendlich ist die oft schlechtere soziale Lebenssituation von Sinti und Roma das Ergebnis jahrhundertelanger Diskriminierung.[13] Wesentlich ist daher eine Bekämpfung der Stereotype und Vorurteile durch das Schaffen einer gesellschaftlichen Wahrnehmung für die Problematik des Antiziganismus, für dessen Existenz Klischees und Unwissenheit eine wesentliche Grundlage sind.

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[1] Decker, O., Kiess, J., Brähler, E. (Hg.) (2016): Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland. Gießen: Psychosozial-Verlag

[2] Ibid. S. 16

[3] Grienig, Gregor (2010). Roma in Deutschland. Abgerufen am 20.05.2016 von http://www.berlin-institut.org/online-handbuchdemografie/bevoelkerungsdynamik/regionale-dynamik/roma-in-deutschland.html

[4] End, 2013, S.13

[5] Dokumentations- und Kulturzentrum deutscher Sinti und Roma: Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma. Abgerufen am 20.05.2016 von http://www.sintiundroma.de/sinti-roma/ns-voelkermord.html

[6] Sparing, Frank (2014). NS-Verfolgung von „Zigeunern“ und „Wiedergutmachung“ nach 1945. Abgerufen am 20.05.2016 von http://www.bpb.de/internationales/europa/sinti-und-roma-in-europa/180869/ns-verfolgung-von-zigeunern-und-wiedergutmachung-nach-1945

[7] Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2015). Jüdische Zuwanderer. Abgerufen am. 20.05.2016 von http://www.bamf.de/DE/Migration/JuedischeZuwanderer/juedischezuwanderer-node.html

[8] End, 2013, S. 31

[9] End, 2013, S.9

[10] End, 2013, S. 17f

[11] Zentralrat Deutscher Sinti und Roma (2006). Ergebnisse der Repräsentativumfrage des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma über den Rassismus gegen Sinti und Roma in Deutschland, S.1. Heidelberg.

[12] Europäische Kommission (2007). Diskriminierung in der Europäischen Union. Eurobarometer Spezial 263, S.42

[13] End, 2013, S. 66